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Invasive Meningokokken - Erkrankungen und Maßnahmen zur Prävention

Diese Informationen richten sich primär an Ärztinnen/Ärzte und medizinisches Fachpersonal.

Erreger
Neisseria meningitidis (Meningokokken), semmelförmig gelagerte, bekapselte gramnegative Diplokokken.
Anhand der antigenetischen Eigenschaften der Kapselpolysaccharide können z.Zt. 13 Serogruppen unterschieden werden, von denen jedoch nur fünf (A, B, C , W-135 und Y) mit invasiven Meningokokkenerkrankungen assoziiert sind.

Epidemiologie
Meningokokken sind weltweit verbreitet, Erregerreservoir ist ausschließlich der Mensch. Etwa 10% der gesunden Erwachsenen sind im Nasopharynx mit Meningokokken asymptomatisch besiedelt.
Als Risikofaktoren für Meningokokken-Infektionen gelten virale respiratorische Infekte, Störungen des Immunsystems (z.B. Komplementfaktormangel oder Properdindefekte) sowie Exposition gegenüber Zigarettenrauch.
Invasive Meningokokkenerkrankungen kommen gehäuft in den Wintermonaten vor (30 - 40 % entfallen auf das erste Jahresquartal) und können jede Altersgruppe betreffen. Sie weisen im Wesentlichen zwei Morbiditätsgipfel auf: gefährdet sind v.a. Säuglinge und Kleinkinder in den ersten fünf Lebensjahren (ca. 38 % der Fälle), ein zweiter kleinerer Erkrankungsgipfel fi ndet sich bei Teenagern zwischen 15 und 19 Jahren.
In Europa liegt die jährliche Inzidenz invasiver Meningokokkenerkrankungen mit regionalen Schwankungen bei etwa 1/100000 (BRD 2003: 0,94). Sie treten sporadisch auf, nur in ca. 2% der Fälle handelt es sich um sekundäre Erkrankungen, bei denen sich ein örtlicher und zeitlicher Zusammenhang nachweisen lässt.
In Deutschland werden über 90% der invasiven Meningokokkenerkrankungen durch die beiden Serogruppen B (65% ) und C (27 % ) verursacht. Den durch Serogruppe C verursachten Krankheitsfällen kommt aufgrund einer höheren Letalität (gegenüber Serogruppe B etwa doppelt so hoch!) und der Verfügbarkeit eines bereits im Säuglingsalter wirksamen Impfstoffes eine besondere Bedeutung zu. Ein beobachteter Anstieg des Anteils der Serogruppe C-Infektionen seit 2001 erfordert daher für die Entscheidung über die Notwendigkeit etwaiger Impfprogramme die Weiterführung einer laborgestützen Surveillance.
Neben den beiden o.g. Serogruppen sind die Gruppen Y und W135 (< 5%) wesentlich seltener vertreten. Erkrankungen durch Meningokokken der Serogruppe A sind in Deutschland - im Gegensatz zum afrikanischen "Meningitisgürtel" (südlich der Sahara bis zum Äquator), Südamerika und Asien - extrem selten (um 1%).

Übertragungswege
Die Übertragung von Meningokokken erfolgt durch Tröpfcheninfektion. Da die Keime außerhalb des menschlichen Körpers nur begrenzt überlebensfähig sind, ist für eine Infektion ein enger Kontakt mit infektiösen Sekreten erforderlich. Ein Zusammentreffen von Menschen ohne engen Kontakt führt in der Regel nicht zu einer Ansteckung.
Im Gegensatz dazu haben Haushaltsmitglieder eines Patienten das höchste Risiko sich zu infi zieren (etwa 500-1000fach erhöht!). In der ersten Woche nach Auftreten des Indexfalles ist dieses Risiko am größten, laut Literatur treten etwa 70 % der Sekundärerkrankungen in diesem Zeitraum auf.
Das Risiko von Sekundärerkrankungen bei medizinischem Personal, das einen Indexpatienten betreut hat , wird als relativ gering eingeschätzt, ein Infektionsrisiko scheinen jedoch Manipulationen am Respirationstrakt des Patienten, insbesondere zur Zeit der Krankenhausaufnahme, darzustellen.

Inkubationszeit und Dauer der Ansteckungsfähigkeit
Die Inkubationszeit kann zwischen 2 und 10 Tagen liegen, im Durchschnitt beträgt sie 3-4 Tage.
Bereits 24 Stunden nach Beginn einer adäquaten Therapie gilt der Patient als nicht mehr infektös.

Manifestationsformen invasiver Meningokokkenerkrankungen
Invasive Meningokokken-Erkrankungen verlaufen in der Mehrzahl der Fälle als purulente Meningitis (etwa 50 %). In einem Viertel der Fälle besteht primär eine Sepsis, von denen wiederum 10 - 15 % einen foudroyanten Verlauf entwickeln, der durch einen schweren septisch-toxischen Schock mit sehr hoher Letalität gekennzeichnet ist (sog. Waterhouse-Friderichsen- Syndrom). Weitere 25 % verlaufen als Mischform.
Die Letalität von Meningokokkenerkrankungen beträgt in Deutschland insgesamt etwa 10 %.

Diagnose
Bei klinischem Verdacht auf eine Meningokokkenerkrankung sind eine frühzeitige Diagnostik und Therapie für das Überleben des Patienten entscheidend.
Für die Labordiagnostik steht die Untersuchung von Liquor und Blut im Vordergrund. Die Materialentnahme zur Diagnosesicherung durch Grampräparat, kulturelle Erregeranzucht und Resistenzbestimmung sollte nach Möglichkeit vor Therapiebeginn erfolgen. Die Resistenztestung setzt die Anzucht vermehrungsfähiger Meningokokken voraus, was unter Therapie beeinträchtigt sein kann.
Bei negativer Erregeranzucht kann mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) ein Nachweis der Meningokokken-DNA aus Liquor (bei Meningitis) und EDTA-Blut (bei Sepsis) erbracht werden. Ferner sind auch oropharyngeale Sekrete und Aspirate aus Hautläsionen für eine Diagnostik geeignet.
Zur Feintypisierung sollte jeder Stamm an das Nationale Referenzzentrum für Meningokokken (NRZM, Würzburg) geschickt werden.

Therapie
Bei Meningokokkeninfektionen ist im Falle nachgewiesener Sensibilität nach wie vor Penicillin G das Mittel der 1.Wahl. Zwar zeigen hierzulande die meisten Meningokokkenstämme noch ein gutes Ansprechen auf Penicillin (lediglich ca. 10 % intermediäre Stämme), jedoch wird aus dem Ausland zunehmend über Meningokokken mit eingeschränkter Penicillin-Empfi ndlichkeit berichtet. Aus diesem Grund sollte primär mit Cephalosporinen der dritten Generation (Ceftriaxon oder Cefotaxim) therapiert werden.

Hygienemaßnahmen
Patienten mit invasiven Meningokokkenerkrankungen müssen für mindestens 24 Stunden nach Beginn der Antibiotika-Therapie isoliert werden. In dieser Zeit müssen Pfl egepersonal und Besucher grundsätzlich Schutzkittel, Mund-/Nasenschutz und Handschuhe tragen, eine hygienische Händedesinfektion ist vor und nach Patientenkontakt, nach Kontakt mit infektiösem Material oder kontaminierten Gegenständen - auch nach dem Ablegen von Handschuhen - erforderlich. Bei Einhaltung dieser Maßnahmen gilt eine Chemoprophylaxe für medizinisches Personal in der Regel als nicht notwendig.
Hinsichtlich der Patientenumgebung sind die routinemäßigen Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen ausreichend, Abfälle können als B-Müll entsorgt werden.

Chemoprophylaxe
Alle engen Kontaktpersonen sollen chemoprophylaktisch behandelt werden. Ziel ist, dadurch eine Erkrankung bei bereits Infi zierten zu verhindern und durch die Sanierung von Keimträgern eine Weiterverbreitung zu unterbinden.
Die Chemoprophylaxe muss daher schnellstmöglich durchgeführt werden und ist bis zu 10 Tage nach dem letzten Kontakt mit dem Erkrankten sinnvoll.
Enge Kontaktpersonen sind:

  • Alle Haushaltsmitglieder
  • Personen, die mit oropharyngealen Sekreten des Patienten in Berührung gekommen sind (Intimpartner, enge Freunde, evtl. Banknachbarn in der Schule, medizinisches Personal z.B. bei Mund-zu-Mund-Beatmung, Intubation, Absaugen, intensiver Inspektion des Nasenrachenraumes ohne Mundschutzusw.)
  • Kontaktpersonen in Gemeinschaftseinrichtungen mit haushaltsähnlichem Charakter (z.B. Kasernen, Internaten, Wohnheimen etc.)
  • Kontaktpersonen in Kindereinrichtungen mit Kindern unter sechs Jahren (bei guter Gruppentrennung nur die entsprechende Gruppe)

Als Kontaktpersonen werden auch solche Personen bezeichnet, die in den letzten sieben Tagen vor Ausbruch der Erkrankung mit dem Erkrankten einen sehr engen Kontakt hatten, der dem eines Haushaltskontakts gleicht.
In Gemeinschaftseinrichtungen wird der Kreis enger Kontaktpersonen entscheidend vom Verhalten der dort zusammentreffenden Personen abhängig sein. So kann es z.B. in Schulen mit turbulentem Pausenverhalten schwierig sein, den Kreis der Kontaktpersonen zu begrenzen, während dies in anderen Einrichtungen durchaus möglich sein kann. Die Entscheidung, ob nur Banknachbarn und enge Freunde oder die ganze Schulklasse als enge Kontaktpersonen angesehen werden, muss daher vom zuständigen Gesundheitsamt situationsabhängig getroffen werden. Auch bei Indexpatienten, die eine Penicillintherapie erhalten haben, sollte eine Chemoprophylaxe durchgeführt werden, da eine Meningokokkenbesiedlung des Nasenrachenraumes durch Penicillin nicht eradiziert wird.
Mittel der Wahl ist Rifampicin (Erw.: 2 x 600 mg/Tag; Säuglinge < 1 Monat: 2 x 5 mg/kg/Tag; Kinder ab 1 Monat bis 12 Jahre: 2 x 10 mg/kg/Tag p.o. über jeweils zwei Tage). Alternativ können Ceftriaxon (Kinder < 12 Jahre: 125 mg; Kinder > 12 Jahre und Schwangere: 250 mg i.m.) oder Ciprofl oxacin (nur > 18 Jahre: 1x 500 mg p.o.) gegeben werden. Bei Schwangeren ist Ceftriaxon das Mittel der Wahl.

Impfung

Seit Juli 2006 wird eine Impfung mit Meningokokken-C-Konjugatimpfstoff für alle Kinder im 2. Lebensjahr zum frühestmöglichen Zeitpunkt empfohlen. Die Impfung erfolgt einmalig. Eine fehlende Impfung soll bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden. Für gesundheitlich besonders gefährdete Kinder (z.B. bei angeborenen oder erworbenen Immundefekten, bei Fehlen der Milz) wird eine Impfung mit einem Vierfachimpfstoff empfohlen, der gegen weitere Meningokokken wirksam ist (Gruppe A, C, W135, Y). Dieser wird auch für Reisen in Länder mit erhöhtem Meningitis Risiko empfohlen.

Ein Impfstoff gegen Meningokokken der Gruppe B ist in Europa zugelassen und seit Dezember 2013 auch in Deutschland verfügbar. Er wird zurzeit von der STIKO noch nicht generell empfohlen.

Gesetzliche Bestimmungen, Meldepflicht
Nach § 6 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) sind Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod an Meningokokken-Meningitis oder -Sepsis namentlich an das zuständige Gesundheitsamt meldepfl ichtig.
Gemäß § 7 IfSG besteht eine Meldepfl icht nur für den direkten Nachweis von Neisseria meningitidis aus Liquor, Blut, hämorrhagischen Hautläsionen oder anderen normalerweise sterilen Substraten.
Entsprechend § 34 Abs. 1 Nr. 10 IfSG dürfen Personen, die an einer Meningokokkeninfektion erkrankt oder deren verdächtig sind, in Gemeinschaftseinrichtungen keine Lehr-, Erziehungs-, Pflege-, Aufsichts- oder sonstige Tätigkeiten ausüben, bei denen sie Kontakt zu den dort Betreuten haben, bis nach ärztlichem Urteil eine Weiterverbreitung durch sie nicht mehr zu befürchten ist. Für die in Gemeinschaftseinrichtungen Betreuten gilt, dass sie, falls sie an einer Meningokokkeninfektion erkrankt oder derer verdächtig sind, die dem Betrieb der Einrichtung dienenden Räume nicht betreten, Einrichtungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht benutzen und an Veranstaltungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht teilnehmen dürfen.
Diese Regelungen gelten entsprechend für Personen, in deren Wohngemeinschaft nach ärztlichem Urteil eine Erkrankung oder ein Verdacht auf eine Meningokokkeninfektion aufgetreten ist (§ 34 Abs. 3 IfSG).
Nach § 34 Abs. 7 IfSG kann die zuständige Behörde im Einvernehmen mit dem Gesundheitsamt jedoch Ausnahmen zulassen, wenn geeignete Maßnahmen zur Verhütung einer Übertragung durchgeführt wurden (z.B. Chemoprophylaxe).

Dieses Merkblatt kann auch als PDF-Datei heruntergeladen werden.

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Artikel-Informationen

Ansprechpartner/in:
Dr. Katja Claußen

Nds. Landesgesundheitsamt
Klinische Bakteriologie
Roesebeckstr. 4-6
30449 Hannover
Tel: 0511-4505-0

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