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Verstorbene mit Covid-19

Zielsetzung dieses Berichtes ist die nähere Betrachtung und Auswertung der mit einer COVID-19-Erkrankung verstorbenen Fälle für den Meldezeitraum von der 10. bis zur 39. Meldewoche im Jahr 2020. Unter anderem konnten folgende Erkenntnisse dabei gewonnen werden:

  • Die Fallsterblichkeitsrate hat sich im Laufe der Pandemie reduziert: Verglichen mit den Werten der ersten acht Meldewochen der Pandemie lag die Sterblichkeitsrate im Zeitraum von der 18. – 29. Meldewoche bei nur 66%. Für den Zeitraum 30. – 39. Meldewoche (Anfang März bis Ende September) lag dieser sogar bei nur rund 40 % der Werte zu Pandemiebeginn.
  • Der Alterseffekt bleibt dominant, unabhängig von Geschlecht, Grunderkrankungen und Meldezeitraum: So liegt das geschätzte Sterberisiko bei den über 80jährigen um einen Faktor von rund 2,5 höher als das für die Altersgruppe der 70 – 79jährigen.
  • Bei rund 90 % der Verstorbenen war Covid-19 nachweislich die Todesursache. Etwa sieben Prozent der Fälle sind zwar mit, aber nicht an der Krankheit gestorben. Bei den restlichen drei Prozent konnte die genaue Todesursache (noch) nicht ermittelt werden.
  • Bei Männern zeigt sich eine rund doppelt so hohe Fallsterblichkeitsrate wie bei den Frauen.

Trotz der Limitationen in der Datenqualität, die im Wesen von Meldedaten begründet sind, bestätigen die Auswertungen nicht nur bereits bekannte Fakten und Annahmen, sondern sie zeigen darüber hinaus bislang nicht oder kaum bekannte Zusammenhänge auf.

Auf dieser Seite erhalten Sie tiefere Einblicke in das methodische Vorgehen, die Datengrundlagen und die gewonnenen Erkenntnisse der Untersuchung. Im Folgenden können Sie die Kurzfassung der Ergebnisse lesen. Diese steht Ihnen genauso wie eine lange Version als Download zur Verfügung. Sollten Sie Rückfragen und Anmerkungen haben, nehmen Sie gern Kontakt mit uns auf.


Inzwischen wurden auch die Daten zu den Sterbefällen der Meldeperiode von Ende September bis Ende November ausgewertet, siehe Downloads in der rechten Spalte. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen sich dabei im Wesentlichen.

Hintergrund:

Der bisherige Pandemieverlauf in Niedersachsen lässt sich in fünf ineinander übergehende Phasen einteilen:

1.) 10. – 17. Meldewoche. Dieser Zeitraum deckt die erste Infektionswelle ab, sowohl den Anstieg ab Anfang März wie auch den wesentlichen Abfall bis Ende April.

2.) 18. – 29. Meldewoche. Dieser Zeitraum deckt die Zeit zwischen dem Ende der ersten Welle und dem allmählichen Aufbau der zweiten Welle, der durch die ersten Sommerurlaubsrückkehrer eingeläutet worden ist.

3.) 30. – 39. Meldewoche. In diesen Zeitraum fällt der zunächst überschaubar scheinende Neueintrag des Infektionsgeschehens sowie der Beginn des rasanten Anstiegs der Infektionszahlen der zweiten Welle bis Ende September.

4.) 40. – 48. Meldewoche. Dieser Zeitraum deckt die Vollausprägung der zweiten Welle ab: Starker Anstieg der Infektionszahlen im Oktober bis zur Stagnation auf hohem Niveau im November. Auch 2021 versterben noch Fälle, die in diesem Zeitraum gemeldet wurden.

5.) 49. Meldewoche und später. Der aktuelle Verlauf des Infektionsgeschehen ab 30.11.2020 ist noch nicht hinreichend sicher zu bewerten.

Zielsetzung dieses Berichtes ist die Beschreibung der mit einer COVID-19-Erkrankung verstorbenen Fälle für den als abgeschlossen geltenden Meldezeitraum der ersten drei Meldephasen (Woche 10 bis 39 2020). Der Bericht beschreibt alle niedersächsischen COVID-19-Fälle die vom März bis Ende September 2020 an die zuständigen kommunalen Gesundheitsbehörden gemeldet worden sind. Die Definition eines COVID-19-Falles ergibt sich dabei als laborbestätigter Nachweis (mittels PCR) einer Infektion mit SARS-CoV-2.[1]

Grundsätzliche Limitationen der Analysen liegen darin, dass i) die Meldedaten für Surveillance-Zwecke über verschiedenen Stufen und Institutionen gemeldet und ermittelt werden und nicht in Bezug auf eine spezifische Forschungsfrage und ii) Meldedaten in ihrer Vollständigkeit über die übermittelnden Gesundheitsbehörden nicht homogen sind.

Demografische Struktur

Von den 20.038 laborbestätigten COVID-19-Fällen mit Meldedatum vom 01.03. – 27.09.2020 wurden 707 als verstorben geführt: 387 Todesfälle bei Männern, 317 bei Frauen sowie drei Todesfälle ohne Angabe zum Geschlecht. Der Anteil der Verstorbenen an der Gesamtmeldefallzahl, die Fallsterblichkeitsrate, beträgt 3,5 %. Es zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Fallsterblichkeitsrate mit steigendem Alter bis hin zur Gruppe der Hochbetagten mit einem Alter von 80 und mehr Jahren. In den einzelnen Altersgruppen weisen die Männer jeweils eine tendenziell höhere Sterblichkeit auf:


Tabelle 1: Verstorbene nach Alter; Fallsterblichkeitsraten

Altersgruppen; Kategorien:

Anteil an allen Fällen

Anteil an allen verstorbenen Fällen

Fallsterblichkeitsrate

insgesamt

Insgesamt

Insgesamt Bei Männern

Bei Frauen



Bis unter 40 Jahre

46,4 %

0,7 %

0,05 % 0,06 %

0,05 %



40 bis unter 60 Jahre

31,2 %

5,2 %

0,6 % 0,73 %

0,44 %



60 bis unter 70 Jahre

9,0 %

8,9 %

3,5 % 5,5 %

1,4 %


,

70 bis unter 80 Jahre

5,4 %

23,6 %

15,3 % 20,1 %

9,9 %



80 Jahre und älter

8,0 %

61,5 %

27,1 % 34,8 %

23,0 %



insgesamt

100 %

100 %

3,5 % 3,9 %

3,2 %




Zeitlicher Verlauf:

Die Fallsterblichkeitsrate bezieht sich zeitlich auf die ursprünglichen Meldedatumsangaben, die unterschiedlich lange vor dem späteren Todesdatum liegen. Hier zeigen sich über den Pandemieverlauf deutliche Unterschiede, was auch mit den in den jeweiligen Zeitabschnitten besonders betroffenen Altersgruppen zusammenhängt. In den zweiten vier Wochen der Pandemie (14. – 17. Meldewoche) lag nicht nur der Peak bei den tagesbezogenen absoluten Sterbefällen, sondern überdies war mit 6,9 % das Verhältnis zwischen Verstorbenen zu Fällen insgesamt auch deutlich am höchsten. Aus der Altersgruppe der über 80jährigen bzw. Hochbetagten stammen fast zwei Drittel der Verstorbenen; dies zeigt sich auch die folgende Abbildung.

Absolute Anzahl Covid-19-Srterbefälle   Bildrechte: NLGA

Fasst man die Meldetage in Vierwochenzeiträume zusammen, ergibt sich folgende Übersicht:


Tabelle 2: Verstorbene nach Meldedatum

Meldezeitraum

Anteil dieser Kategorie an allen Fällen

Anteil dieser Kategorie an allen verstorbenen Fällen

Fallsterblichkeitsrate


1. Meldephase

10. – 13. Meldewoche

20,3 %

19,5 %

3,4 %



14. – 17. Meldewoche

29,3 %

57,6 %

6,9 %

2. Meldephase

18. – 21. Meldewoche

8,0 %

11,6 %

5,1 %



22. – 25. Meldewoche

8,4 %

3,5 %

1,5 %


26. – 29. Meldewoche

3,7 %

1,4 %

1,3 %

3. Meldephase

30. – 33. Meldewoche

7,5 %

1,0 %

0,5 %



34. – 37. Meldewoche

12,6 %

2,4 %

0,7 %


38. + 39. Meldewoche

10,2 %

3,0 %

1,0 %

insgesamt

100 %

100 %

3,5 %



Einflussfaktoren auf das Risiko, an COVID-19 zu Versterben

Bei insgesamt 89,5 % der im COVID-19-Zusammenhang dokumentierten Sterbefälle kann die COVID-19-Erkrankung auch als sichere oder wahrscheinliche Todesursache angesehen werden. Naheliegend ist ein deutlicher Zusammenhang zwischen Krankheitsschwere und dem Sterberisiko:


Tabelle 3: Krankheitsschwere bei Verstorbenen und nicht-Verstorbenen

Krankheitsschwere:
Symptome / Krankheitsbild

Anteil bei ursächlich an COVID-19-Verstorbenen

Anteil bei nicht-Verstorbenen

Akutes Lungenversagen - ARDS

6,2 %

0,3 %

Beatmungsnotwendigkeit

5,2 %

0,2 %

Dyspnoe

16,1 %

3,3 %

Fieber

43,0 %

26,2 %

Auch bestehende Grunderkrankungen stellen ein bekanntes Sterberisiko dar. Bei der Interpretation entsprechender Analysen mit Meldedaten ist zu berücksichtigen, dass lediglich bei einem geringen Anteil der Fallmeldungen (6894, entsprechend 34,5 %) überhaupt Angaben zu Grunderkrankungen vorliegen, so dass Zusammenhangsanalysen vorsichtig zu bewerten sind. Gleichwohl zeigt sich auch der starke Zusammenhang mit dem Lebensalter:

Tabelle 4: Grunderkrankungen bei ursächlich an COVID-19 Verstorbenen und nicht-Verstorbenen

Alle Fälle
Über 80-Jährige

Grunderkrankung

Anteil bei Verstorbenen

Anteil bei nicht-Verstorbenen

Anteil bei Verstorbenen

Anteil bei nicht-Verstorbenen

Diabetes

24,3 %

4,4 %

31,7 %

14,7 %

Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKK)

62,1 %

12,0 %

66,2 %

53,4 %

Immunkrankheiten

10,2 %

1,7 %

9,2 %

8,1 %

Krebserkrankungen

14,5 %

2,0 %

13,4 %

8,1 %

Lebererkrankungen

1,3 %

0,6 %

1,4 %

2,8 %

Chronische Lungenerkrankungen

19,6 %

5,1 %

14,1 %

15,6 %

Neurologische Erkrankungen

28,5 %

3,8 %

31,0 %

29,7 %

Nierenerkrankungen

18,7 %

2,1 %

21,1 %

15,9 %

∑ Irgendeine Grunderkrankung

93,6 %

21,9 %

93,7 %

82,5 %

100 % = 235

100 % = 6659

100 % = 142

100 % = 320


Bei den über 80jährigen, der Altersgruppe mit den meisten Verstorbenen, zeigen sich gemäß Tabelle 4 auffällige Unterschiede für die Grunderkrankungen Diabetes sowie HKK.

Ein Großteil der Fälle verstarb dabei stationär oder nach Entlassung aus einem Krankenhaus. Der Anteil der Verstorbenen bei den als hospitalisiert dokumentierten Fällen beträgt 20,5 %, bei denjenigen, bei denen eine Hospitalisierung verneint ist bzw. keine Angabe zur Hospitalisierung vorliegt 1,5 %.

Modellierung des Risikos, an COVID-19 zu versterben

Die bislang betrachteten möglichen Einflussgrößen auf die Sterblichkeit von COVID-19-Fällen sind nicht statistisch unabhängig voneinander. Multivariate Analysen, speziell multiple logistische Regressionsmodelle, erlauben hier, Aussagen zu den Effektstärken der einzelnen Einflussgrößen unter Kontrolle anderer Einflüsse zu treffen. Es wurden entsprechende Modelle verwendet, bei denen allein Einflussgrößen zur Charakterisierung des Falles zum Zeitpunkt der Infektion eingehen, d.h. Alter, Geschlecht sowie Grunderkrankungen. Das zeitliche Auftreten der Infektion, abzulesen am Meldedatum, spielt eine besondere Rolle. Es kann als ein von der individualmedizinischen Behandlung unabhängiger Faktor angesehen werden, der den therapeutischen Fortschritt über den Pandemieverlauf widerspiegelt.

Die Quantifizierung der Effekte der einzelnen Einflussgrößen erfolgt über das in der Epidemiologie verbreitete Maß Odds-Ratio (OR), welches unmittelbar als Schätzer des relativen Risikos interpretiert werden kann.


Tabelle 5: OR-Schätzungen für das Modell mit den Einflussgrößen Alter, Geschlecht, Meldeperioden und Grunderkrankungen

Einflussgröße

Ausprägung bzw. Kontrast

OR

Alter

„40 – 59jährige“ vs. „bis 40 jährige“

7,80

„60 – 69jährige“ vs. „40 – 59jährige“

5,32

„70 – 79 jährige“ vs. „60 – 69 jährige“

3,96

„80 Jahre und älter“ versus „70 – 79 jährige“

2,29

Geschlecht

Mann (versus Frau)

2,04

Meldeperiode

„18. – 29. Meldewoche“ vs. „10. – 17. Meldewoche“

0,66

„30. – 39. Meldewoche“ vs. „10. – 17. Meldewoche“

0,40

Vorerkrankungen

Krebserkrankungen

1,57

Lungenerkrankungen

1,57

Diabetes

1,47

Herzkreislauferkrankungen (HKK)

1,50

Neurologische Erkrankungen

1,16

Nierenerkrankungen

1,36

Immunkrankheiten

1,55


Alle vier Einflussfaktoren sind statistisch betrachtet überaus relevant und auch inhaltlich – mit Einschränkung beim ausgeprägten Effekt für das männliche Geschlecht – plausibel zu begründen.

Auch unter Kontrolle von Geschlecht, Grunderkrankungen und Meldezeitraum bleibt der Alterseffekt dominant: So liegt das geschätzte Sterberisiko bei den über 80jährigen um einen Faktor von rund 2,5 höher als das für die Altersgruppe der 70 – 79jährigen.

Es zeigt sich ein deutlicher Effekt beim männlichen Geschlecht. Unter Kontrolle der übrigen Faktoren versterben Männer rund doppelt so häufig wie Frauen.

Deutlich ist auch ein zeitlicher Effekt über die Pandemie abzulesen. In der ersten Welle war das Sterberisiko deutlich höher als in den nachfolgenden Wochen. Hierbei ist insbesondere davon auszugehen, dass Qualitätsverbesserungen bei der (stationären) Behandlung die Sterblichkeit in allen Altersgruppen gesenkt haben. Möglicherweise spielen auch Modifikationen in den Versorgungsstrukturen eine Rolle und es ist zudem davon auszugehen, dass durch die Erweiterung der Testkapazitäten im Pandemieverlauf vermehrt Fälle mit geringer Krankheitsschwere erfasst wurden.

Auch die Relevanz der Grunderkrankungen zeigt sich, wobei allerdings eine genaue Quantifizierung der tatsächlichen Effektstärken aus den Meldedaten nicht sicher möglich ist. Hier spielt vor allem die hohe „Dunkelziffer“ von nicht erfassten Grunderkrankungen, insbesondere bei HKK, aber auch bei chronischen Lungenerkrankungen eine Rolle, so dass der tatsächliche Effekt wegen der Fehlklassifikationen bei den Grunderkrankungen systematisch unterschätzt werden dürfte.

Insgesamt erlauben multivariate Analysen aufgrund der großen Assoziationen der Einflussgrößen eine belastbarere Interpretation als (bivariate) Analysen zwischen nur einem Einflussfaktor und der Fallsterblichkeit.



[1] S. Falldefinition des RKI: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Falldefinition.html

Coronavirus Bildrechte: CDC

Coronavirus

Artikel-Informationen

erstellt am:
27.01.2021
zuletzt aktualisiert am:
08.02.2021

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