Logo Niedersächsisches Landesgesundheitsamt Niedersachen klar Logo

Niedersächsische Landesliste (NiLaLi)

Trinkwasseruntersuchungen auf Pflanzenschutzmittel und Biozidprodukte


-------------------------------------------------------------
ACHTUNG: Hinweis seit August 2021

Bitte beachten Sie, dass es ab 2022 eine überarbeitete Liste geben wird, die zur Information bereits jetzt auf dieser Homepage veröffentlicht wird.
Bis zum 31.12.2021 ist die Liste von 2018 gültig.
-------------------------------------------------------------

Seit 2011 wird vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA) die „Niedersächsische Landesliste - Trinkwasseruntersuchungen auf Pflanzenschutzmittel und Biozidprodukte“ (NiLaLi) im Auftrag des Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung (MS) in Abstimmung mit dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) und der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) erarbeitet. Sie wird dem kommunalen öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) als Arbeitshilfe für die Trinkwasserüberwachung zur Verfügung gestellt, um über eine geeignete Auswahl der zu untersuchenden Stoffe des Parameters mit der laufenden Nummer 10 „Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe und Biozidprodukt-Wirkstoffe“ der Trinkwasserverordnung (TrinkwV) zu entscheiden.


Die NiLaLi dient somit als Orientierung für den Parameterumfang, d.h. sie benennt jene Substanzen, für welche das Vorkommen in Wassergewinnungsanlagen in Niedersachsen als wahrscheinlich im Sinne der Trinkwasserverordnung angesehen wird. Die NiLaLi ist eine Empfehlungsliste für die Überwachung von Pflanzenschutzmitteln, Biozidprodukten und ihren Metaboliten im Trinkwasser, dabei ist der Parameterumfang stets den Erfahrungen und Kenntnissen vor Ort entsprechend anzupassen. Hierzu sind die zuständige Bezirksstelle der LWK bzw. das örtliche Pflanzenschutzamt sowie die Untere Wasserbehörde zu beteiligen.
Bei Abweichungen von der NiLaLi sollten die Entscheidungsbegründungen schriftlich dokumentiert werden.

Folgende Änderungen sind in der NiLaLi für 2022 gegenüber der von 2018 vorgenommen worden (ebenfalls in NiLaLi gelb hervorgehoben; Details zu den Änderungen siehe unten):
  • Ergänzung des Abschnittes „Allgemeines bzw. Hintergrund NiLaLi“
  • Komplette (inhaltliche) Überprüfung der Eigennamen, des Zulassungsstatus, Angaben zu wichtigen Kulturen der Anwendung etc.
  • Der Beurteilungswert von Aminomethylphosphonsäure (AMPA) und Trifluoressigsäure (TFA) wurde von
    3,0 µg/l auf 10 µg/l angehoben.
  • Der Beurteilungswert von Metazachlor-(Carbon)säure BH 479-4 wurde von 1,0 µg/l auf 3,0 µg/l angehoben (entspricht GOW (UBA, 2020a)).
  • Der Beurteilungswert von S-Metolachlor-Sulfonsäure NOA 413173 wurde von 1,0 µg/l auf 3,0 µg/l angehoben (entspricht GOW (UBA, 2020a)).
  • Aufnahme des Metazachlor-Metabolit BH 479-9 in NiLaLi: Einstufung als relevanter Metabolit (rM), somit gilt der entsprechende Grenzwert für relevante Metaboliten von 0,1 µg/l
  • Aufnahme des Metazachlor-Metabolit BH 479-11 in NiLaLi: Einstufung als relevanter Metabolit (rM), somit gilt der entsprechende Grenzwert für relevante Metaboliten von 0,1 µg/l
  • Aufnahme von 1H-1,2,4-Triazol (CGA 71019) in NiLaLi: Einstufung als relevanter Metabolit (rM), somit gilt der entsprechende Grenzwert für relevante Metaboliten von 0,1 µg/l
  • Löschung von Trifluralin, DDT und Lindan (γ-HCH) von der NiLaLi

Hintergrundinformationen zum Beurteilungswert für TFA & AMPA sowie Umgang bei positiven nrM-Befunden (Messwerte oberhalb Bestimmungsgrenze)

Da die regulatorische Einstufung von Glyphosat nach Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 (CLP) vollzogen und AMPA entsprechend Verordnung (EU) Nr. 1141/20102 als nrM eingestuft worden ist, wird AMPA in der NiLaLi als nrM geführt. Für AMPA ist bisher weder ein gesundheitlicher Orientierungswert (GOW) noch Trinkwasserleitwert vom Umweltbundesamt (UBA) veröffentlicht worden (UBA, 2020a). Ein toxikologisch abgeleiteter Trinkwasserleitwert, unterhalb dessen bei einer täglichen, lebenslangen Aufnahme keine gesundheitsschädlichen Effekte zu erwarten sind, läge für AMPA bei 1,75 mg/l (auf Basis der „zulässigen tägliche Aufnahmemenge“ (ADI), welche die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Zulassungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln z.B. zur Bewertung von Rückstandshöchstgehalten in Lebensmitteln verwendet (EFSA, 2015)).

Trifluoressigsäure (TFA) wurde in der aktuellen Bewertung nach Pflanzenschutzmittelrecht aufgrund der Wirkstoffeigenschaften von Flurtamone als relevant zwischenbewertet (EFSA, 2017). Für andere TFA-bildende Wirkstoffe ist eine analoge Wirkstoffbewertung nicht bekannt. Eine Einstufung als rM würde im Trinkwasser die Anwendung des Grenzwertes 0,1 µg/l nach sich ziehen. Laut UBA rechtfertigt allerdings die umfassende Datenlage zu TFA eine Einordnung als nrM in diesem Einzelfall. Zudem ist mittlerweile ein Trinkwasserleitwert von 60 µg/l veröffentlicht worden, welcher den bisher gültigen gesundheitlichen Orientierungswert (GOW) von 3μg/l ersetzt (UBA 2020a, b).

Unabhängig von vorhandenen GOW oder Trinkwasserleitwerten sollte das Vorkommen von nicht relevanten Metaboliten (nrM) grundsätzlich nur bis zur Höhe von 10 μg/l und nur vorübergehend hingenommen werden (Nieders. Erlass). Dieser Wert entspricht der Empfehlung des Umweltbundesamtes für einen trinkwasserhygienisch vorübergehend hinnehmbaren Vorsorge-Maßnahmewert im Trinkwasser (UBA 2008). Er ist dem Zulassungsverfahren des Pflanzenschutzmittelrechtes entlehnt, in welchem dieser Wert als Leitwert für schädliche Auswirkung auf das Grundwasser durch nrM herangezogen wird und eine Unterschreitung anzustreben ist (SANCO/221/2000-rev.10). Zudem wird er als Kriterium für Fundaufklärungsverfahren und zur Listung als Schutzgebiet mit Anwendungsverboten herangezogen. Bei einer Listung untersagt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) die Anwendung bestimmter Pflanzenschutzmittel aus Gründen des vorsorgenden Trinkwasserschutzes in definierten Wasserschutzgebieten und Einzugsgebieten für die Trinkwassergewinnung mit der bußgeldbewehrten Anwendungsbestimmung NG301-1. Als Voraussetzung hierfür wird ebenfalls der Leitwert herangezogen und gilt neben anderen Kriterien als Voraussetzung für eine Meldung ans BVL zur Aufnahme in die Liste.

Auch wenn Aufbereitungsmaßnahmen für Roh- und Trinkwasser bis zu diesem Vorsorge-Maßnahmewert bzw. Leitwert in der alleinigen Verantwortung des Wasserversorgungsunternehmens liegen, kann dennoch das Gesundheitsamt Einfluss nehmen und muss im Einzelfall unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten und unter Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit entscheiden, ob Maßnahmen zur Wiederherstellung der Trinkwasserqualität nach § 9 Abs. 4 TrinkwV anzuordnen sind. Zu berücksichtigen ist dabei, dass unabhängig der toxikologischen Trinkwasserleitwerte und des vorübergehend hinnehmbaren Vorsorge-Maßnahmewertes ein Vorkommen aus hygienischen Gründen im Trinkwasser unerwünscht ist. So gibt selbst bei Erfüllung der rechtlichen Anforderungen gemäß § 6(1) und (2) das Minimierungsgebot nach § 6 Abs. 3 TrinkwV vor, dass Konzentrationen von chemischen Stoffen, die das Wasser für den menschlichen Gebrauch verunreinigen oder seine Beschaffenheit nachteilig beeinflussen können, so niedrig gehalten werden sollen, wie dies nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik mit vertretbarem Aufwand unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalles möglich ist. Diesem Anspruch folgend kann beim Vorliegen einer Belastung - selbst wenn diese weit unterhalb des toxikologischen Trinkwasserleitwertes liegt - zwar das Trinkwasser weiter vermarktet werden, es sollten aber Anstrengungen zum Senken der Belastung unternommen werden (Nieders. Erlass). Sind die Belastungen noch gering, sollte der Verlauf der Konzentration in geeigneter Weise beobachtet werden (z.B. verkürztes Beprobungsintervall), um ggf. frühzeitig Maßnahmen veranlassen zu können. Des Weiteren sollte Ursachenforschung und Vorbeugemaßnahmen initiiert werden, um ein weiteres Ansteigen der Belastung zu verhindern. Zudem ist der Informationspflicht an die Nutzer nachzukommen.

Folglich wird in der NiLaLi für TFA und AMPA als Beurteilungswert der trinkwasserhygienisch vorübergehend hinnehmbaren Vorsorge-Maßnahmewert von 10 μg/l angegeben; wobei (wie beschrieben) grundsätzlich eine Unterschreitung angestrebt werden sollte und selbst bei Konzentrationen unterhalb dieser Schwelle bereits Maßnahmen erforderlich sein können (verkürztes Beprobungsintervall, Fundaufklärung, Informationspflicht etc.).

Ergänzende Anmerkung zu TFA

TFA ist bisher im Gewässer-Monitoring i.d.R. nur unzureichend berücksichtigt worden. Die Analytik ist zudem anspruchsvoll und aufwendig. Aufgrund der Säurekonstante (pKS) von <1 ist ersichtlich, dass sie im Wasser bei üblichen pH-Werten vollständig dissoziiert als Acetat-Anion vorliegt (CF₃ COO⁻), somit extrem polar, sehr gut wasserlöslich und mobil (keine Adsorption im Boden) ist. TFA gilt zudem als persistent (bisher ist kein signifikanter biologischer/chemischer Abbaumechanismus bekannt) und kann aufgrund der sehr geringen Molekülgröße nur schwer aus dem Wasser entfernt werden (kein messbarer Reduzierungseffekt bei Aktivkohle, Ultra-/Nanofiltration, Belüftung und Ozonierung). TFA kommt ubiquitär in der Umwelt vor und kann aus verschiedensten Quellen stammen. Diese können natürlichen Ursprungs sein wie hydrothermale Ausgasungen im marinen Bereich oder anthropogene Quellen wie beispielsweise über die Verwendung als Lösungsmittel bei der Peptidanalytik, als Abbauprodukt von Kunststoffen, Treibgasen, Kühlmitteln (FCKW-Substitute), Narkose- oder sonstigen Arzneimitteln oder über Industrieeinleitungen in Oberflächengewässer (Solomon et al. 2016, EFSA 2014 & EFSA 2016). TFA ist unter der EU-Verordnung (EC) 1907/2006 (REACH) im Tonnagenband von 1.000 – 10.000 Tonnen pro Jahr registriert (ECHA Registration Dossier). TFA ist bei Pflanzenschutzmitteln als Metabolit von u.a. Flurtamone und Flufenacet bekannt, kann allerdings auch möglicherweise von vielen weiteren Wirkstoffen mit einer CF₃-Gruppe gebildet werden (EFSA, 2014).

Seit Ende 2016 sind aus Deutschland erhöhte Gehalte in Oberflächen- und Trinkwasserproben für Trifluoressigsäure (TFA) berichtet worden (NLWKN, 2019). Trinkwasserkonzentrationen bis maximal 1,5 µg/l wurden für Niedersachsen in einer Pilotstudie des Industrieverband Agrar e.V. (IVA) aus 2016/17 mitgeteilt.


  • Alle bisherigen genannten Funde von TFA im niedersächsischen Trinkwasser unterschreiten den aktuell gültigen GOW und sind aus gesundheitlicher Sicht unbedenklich.

Referenzen (letzter Zugriff auf Links: Juli 2021)

  • EFSA, 2014: Reasoned opinion on the setting of MRLs for saflufenacil in various crops, considering the risk related to the metabolite trifluoroacetic acid (TFA). EFSA Journal 2014;12(2):3585, 58 ff. https://doi.org/doi:10.2903/j.efsa.2014.3585
  • NLWKN, 2019: Untersuchungen zum „Vorkommen und Bildungspotential von Trifluoracetat (TFA) in nieder-sächsischen Oberflächengewässern“ - Landesweiter Überblick und Identifikation von Belastungsschwerpunk-ten. https://www.nlwkn.niedersachsen.de/download/141156
  • Solomon et al. 2016: Sources, fates, toxicity, and risks of trifluoroacetic acid and its salts: Relevance to substances regulated under the Montreal and Kyoto Protocols. Journal of Toxicology and Environmental Health, Part B Critical Reviews, Vol. 19, 2016 (7), 289 ff. https://doi.org/10.1080/10937404.2016.1175981
  • UBA, 2008 (Empfehlung des UBA nach Anhörung der Trinkwasserkommission): Trinkwasserhygienische Bewertung stoffrechtlich „nicht relevanter“ Metaboliten von Wirkstoffen aus Pflanzenschutzmitteln im Trinkwasser. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 2008, 51: S. 797–801.https://doi.org/10.1007/s00103-008-0589-3
Trinkwasser Bildrechte: NLGA

Artikel-Informationen

Ansprechpartner/in:
Nathalie Costa Pinheiro / Svenja Ludwig/ Dr. Stephanie Hüser

Niedersächsisches Landesgesundheitsamt
Toxikologie
Roesebeckstr. 4-6
30449 Hannover
Tel: 0511-4505-0

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln