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FAQs zu Glyphosat in Muttermilch

Wie kommen Fremdstoffe in Muttermilch?
Kleinere Spuren von Fremdstoffen wie beispielsweise Rückstände von in großen Produktionsmengen hergestellten chemischen Substanzen werden heute weltweit in der Muttermilch gefunden. Diese Substanzen besitzen meist eine hohe Persistenz (Beständigkeit) in der Umwelt, da sie extrem langsam abgebaut werden. Ferner sind sie meist lipophil (fettlöslich) und werden über die Nahrungskette immer wieder vom Menschen aufgenommen, im Fettgewebe gespeichert und angereichert, und damit auch ggf. über die Muttermilch an den Säugling weitergegeben. Bei vielen dieser Stoffe wurden die Gesundheits- und Umweltfolgen erst nach jahrelangem Einsatz als Pflanzenschutzmittel (Pestizide) oder im industriellen Bereich erkannt und sie sind heute verboten. Die rasante technische Entwicklung gegenwärtiger Analyseverfahren bzw. -methoden ermöglicht zudem, dass immer mehr Fremdstoffe in immer kleineren Spuren (geringeren Konzentrationen) identifiziert werden können.

Was macht das Muttermilch-Untersuchungsprogramm des NLGA?
Im Untersuchungsprogramm des Landes Niedersachsen wird Muttermilch auf ausgewählte Fremdstoffe wie Pflanzenschutzmittel und Duftstoffe untersucht. Hierdurch lassen sich Änderungen in den Konzentrationen erkennen bzw. aktuell aufgetretene oder langfristig zurückliegende Belastungen nachweisen. Durch viele Messergebnisse über einen langen Zeitraum kann man das langfristige Absinken von Umweltschadstoffen im Körper oder beispielsweise regionale Unterschiede aufzeigen. Auch ermöglicht es ggf. die Untersuchung von neuen (bzw. neu in der Diskussion stehenden) Fremdstoffen. Nicht zuletzt können die Ergebnisse der Messungen zu Änderungen der Stillempfehlungen führen.

Soll ich weiterhin Stillen?
Stillen ist die für Kind und Mutter aus gesundheitlicher Sicht beste Ernährungsform und die Nationale Stillkommission empfiehlt Säuglinge mindestens bis zum Beginn des fünften Monats ausschließlich zu stillen und auch nach Einführung der Beikost weiter zu stillen, so lange Mutter und Kind mögen. Muttermilch gewährleistet eine optimale Entwicklung des Kindes und die enthaltenen Abwehrstoffe schützen den Säugling vor Erkrankungen. Säuglinge, die vier bis sechs Monate lang ausschließlich gestillt wurden, haben beispielsweise ein deutlich geringeres Infektionsrisiko bei Atemwegsinfekten. Auch das Niedersächsische Landesgesundheitsamt rät stillenden Mütter und Hebammen, sich von der derzeitigen Debatte über vermeintliche Schadstoffgehalte in der Muttermilch nicht verunsichern zu lassen, und weiterhin zu stillen.
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Warum gab es für Glyphosat bisher keine analytische Methode?

Muttermilch besteht natürlicherweise aus einer Vielzahl von chemischen Bestandteilen: Wasser, Eiweißen, Fetten, Zuckern, Vitami¬nen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Aufgrund dieser nährstoffreichen Zusammensetzung ist sie schwierig zu untersuchen - im Gegensatz zu beispielsweise Trinkwasser. Es ist technisch erforderlich, den zu untersuchenden Spurenstoff (Analyten) von möglichst vielen anderen (die Analyse störende) Bestandteilen abzutrennen und in einem Konzentrationsbereich zu gewinnen, in dem er analytisch erfasst werden kann. Um die Analyten in den geringen Größenordnungen von einem Nanogramm (ng, 1 Milliardstel Gramm) oder auch Pikogramm (pg, 1 Billionstel Gramm) detek¬tieren zu können, ist deshalb eine sehr leistungsfähige Methode nötig. Zudem gelten strenge Qualitätsforderungen an analytische Verfahren wie gleichermaßen für die Labore.

Die in den Medien genannten Werte beschreiben extrem geringe Stoff-Konzentrationen im Bereich von unter einem Milliardstel Gramm Glyphosat pro Milliliter Muttermilch (ng/ml). Hierfür ist der analytische Nachweis speziell in Muttermilch methodisch sehr schwierig. Der wissenschaftliche Nachweis über die Einsatzeignung (Methodenvalidierung) der in den Medienberichten verwendeten Methode bzw. eine Bestätigung durch fundierte Studien sind bisher nicht veröffentlicht worden. Zurzeit ist kein Analysesystem bekannt, das nach wissenschaftlichen Kriterien in der Lage wäre, Glyphosat direkt in einer Muttermilchprobe in solch geringen Konzentrationen zu bestimmen.
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Warum ist das Thema in den Medien so präsent?

Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand wird aufgrund seiner stoffspezifischen Eigenschaften erwartet, dass sich Glyphosat nicht im Fettgewebe oder der Muttermilch anreichert. In Tierversuchen konnte dies bestätigt werden und die Ausscheidung von Glyphosat in der Milch von Kühen war vernachlässigbar gering. Die Bestätigung von Glyphosat-Rückständen in Muttermilch würde diese Grundannahmen zur Mobilität in Frage stellen, da dann die Akkumulation (Speicherung und Anreicherung im Körper) möglich wäre.

Zehn Jahre nach der Zulassung eines Pflanzenschutzmittels muss über eine Verlängerung dieser erneut entschieden werden. In diesem Prozess werden auch neue Informationen und Studien für die Bewertung berücksichtigt und mögliche Risiken der Nutzung betrachtet. Für Glyphosat ist diese Bewertung bereits erfolgt und die Verlängerung der Zulassung Ende des Jahres 2015 erwartet worden. Unabhängig hiervon stufte im Frühjahr des Jahres 2015 die internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC: International Agency for Research on Cancer) den Stoff als "wahrscheinlich krebserregend" (Kategorie 2A) ein. Dabei ist zu beachten, dass die IARC die prinzipiellen Gefahren einer Substanz einschätzt und nicht die Risiken ihrer konkreten Anwendung. Unter anderem sind von der IARC Alkohol (Ethanol in alkoholischen Getränken), Holzstaub oder Sonneneinstrahlung (bzw. UV-Strahlen) in als „krebserregend" (Kategorie 1) eingestuft worden.

In entsprechenden Medienkommentaren wurde problematisiert, dass die gefundenen Glyphosat-Konzentrationen den Trinkwasser-Grenzwert von 0,1 µg/L (dies entsprechen 0,1 ng/ml) für Pflanzenschutzmittel überschreiten würden. Dieser Grenzwert ist als Vorsorgewert zu verstehen, da er begründet ist in dem Bestreben, das kostbare Gut Trinkwasser so frei wie möglich von Fremdstoffen zu halten. Der numerische Wert entsprach dabei der analytischen Nachweisgrenze zum Zeitpunkt der Festlegung des Jahres 2001 (d.h. die geringste Konzentration, in welcher damals Pflanzenschutzmittel im Allgemeinen - also stoffunabhängig - technisch messbar waren). Ähnlich verhält es sich mit dem Grenzwerte für Diätetische Lebensmittel, welcher für gesunde Säuglinge bis zu einem Alter von einem Jahr Anwendung findet. Dieser legt fest, dass Lebensmittel für Säuglinge nicht mehr als 0,01 mg Pflanzenschutzmittel pro Kilogramm Lebensmittel enthalten dürfen (dies entsprechen 10 ng/g). Auf Muttermilch bezogen entspräche dies einer Konzentration von ca. 10 ng/ml, d.h. um einen Faktor von ca. 100 höher als der vorher genannte Trinkwassergrenzwert für Pflanzenschutzmittel. Dies veranschaulicht, dass ein Verzicht auf Muttermilch und Umstellung auf Säuglingsnahrung alleinig beruhend auf die derzeitige Medienberichterstattung keine Alternative darstellt. Zudem sollte stets bei der Betrachtung dieser Werte auf den Kontext der Festlegung hingewiesen werden, d.h. es sollte deutlich dargestellt werden, dass diese Werten dem Anspruch entspringen, das Vorkommen von Fremdstoffen möglichst gering zu halten. Daher ist bei einer Überschreitung dieser Werte nicht automatisch auf negative, gesundheitliche Folgen zu schließen.

Im Gegensatz zu stoffunabhängigen Vorsorgewerten für Pflanzenschutzmittel im Allgemeinen, gibt es stoffbezogene und gesundheitlich (toxikologisch) abgeleitete Beurteilungswerte für Einzelstoffe. So ist oft der alleinige Nachweis eines Stoffes kein ausreichender Grund für eine Besorgnis und entscheidend ist meistens die Höhe der Gehalte. Konkret für Glyphosat gilt als Grundlage dieser toxikologischen Betrachtungen die so genannte „duldbare tägliche Aufnahmemenge" (ADI für acceptable daily intake) mit 0,3 mg pro Kilogramm Körpergewicht (dies entspricht 300 ng/kg). Dabei steht der ADI-Wert für die Höhe einer täglichen, lebenslangen Aufnahme, bei der keine gesundheitlichen Folgen zu erwarten sind. Für einen Säugling, welcher ausschließlich mit Muttermilch gestillt wird, entspräche der ADI umgerechnet einer Konzentration von deutlich über 1 000 ng Glyphosat pro ml Muttermilch (Annahme eines 1 monatigen Säuglings mit 4,8 kg und täglichem Milchbedarf von 220 ml). Selbst bei einer Bestätigung der in den Medien veröffentlichten Glyphosat-Konzentrationen in Muttermilch (höchste Wert mit 0,43 ng/ml), wäre somit dieser gesundheitlich abgeleitete Wert somit bei weitem nicht ausgeschöpft bzw. erreicht.
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Warum ist ein Monitoring notwendig?
Die kontroverse Diskussion bezeugt die Relevanz eines Monitorings wie dem Muttermilch-Untersuchungsprogramm des NLGA. Die zukünftige Herausforderung stellen dabei potentiell neue (bzw. neu in der Diskussion stehende) relevante Stoffe dar. Insbesondere für die Messung in Muttermilch müssen analytische Verfahren erst noch entwickelt werden, um die in die Muttermilch übergehenden Stoffe gänzlich erfassen und als Untersuchungsparameter in Monitoring-Programme integrieren zu können.

Insbesondere aufgrund des Fortschritts der analytischen Verfahren werden (mit entsprechendem Aufwand) immer mehr Fremdstoffe in immer kleineren Spuren identifiziert. Daher ist ein sensiblerer, öffentlicher Umgang geboten, da ein alleiniger Nachweis meist keinen ausreichenden Grund zur Besorgnis darstellt. Entscheidend für die gesundheitliche Bewertung sind die spezifischen Stoffeigenschaften und die Höhe des Gehaltes.
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Chemische Strukturformel des Wirkstoffes Glyphosat

Chemische Strukturformel des Wirkstoffes Glyphosat

Artikel-Informationen

Ansprechpartner/in:
Nathalie-Desiree Costa Pinheiro

Nds. Landesgesundheitsamt
Toxikologie
Roesebeckstr. 4-6
30449 Hannover
Tel: 0511-4505-0
Fax: 0511-4505-317

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