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Sekundäres Geschlechterverhältnis

Das Verhältnis von Jungen- zu Mädchengeburten, das sogenannte sekundäre Geschlechterverhältnis, beträgt nicht exakt eins, sondern liegt etwas höher. (In Deutschland liegt es ungefähr bei 1,055, was einem prozentualen Anteil der Jungengeburten von etwas mehr als 51 % entspricht.) Dieses sekundäre Geschlechterverhältnis ist bereits in Assoziation mit diversen Umweltfaktoren gebracht worden, so auch mit ionisierender Strahlung.

„Verlorene Mädchen" - Das sekundäre Geschlechterverhältnis in der Umgebung des Transportbehälterlagers [TBL] Gorleben

Nachdem im Februar 2011 im Internet und den Medien Statistiken bekannt wurden, wonach das sekundäre Geschlechterverhältnis in der Nähe des Transportbehälterlagers Gorleben seit seiner Inbetriebnahme zu Ungunsten der Mädchen verschoben sei [„verlorene Mädchen"], wurde das NLGA im April 2011 sowohl vom Landkreis Lüchow-Dannenberg als auch vom Niedersächsischen Sozialministerium gebeten, eine Stellungnahme zu den entsprechenden Auswertungen zu erstellen. Gleichzeitig wurde es beauftragt, darüber hinaus eigene ergänzende Auswertungen auf Basis der Geburtsstatistiken der nicht-niedersächsischen Gemeinden in der Umgebung zum Transportbehälterlager Gorleben durchzuführen.

Im Bericht wird das Vorgehen, die resultierenden Statistiken sowie die Interpretation der Ergebnisse näher beschrieben. Anhand der Geburtsstatistiken konnten Verschiebungen auch für die nicht-niedersächsischen Gemeinden im Umkreis um das TBL Gorleben aufgezeigt werden. Allerdings können keine Ursachen für diese Verschiebung benannt werden - rein methodisch ist dies bei dem übernommenen ökologischen Studienansatz auch gar nicht möglich.

Fachgespräch: "Sekundäres Geschlechterverhältnis in der Umgebung des Transportbehälterlager [TBL] Gorleben" am 12.03.12

Im Rahmen eines Fachgespräches sollte daraufhin sowohl eine postulierte ursächliche Wirkung von ionisierender Strahlung auf das sekundäre Geschlechterverhältnis, als auch mögliche andere Einflussfaktoren auf ihre Plausibilität hin diskutiert werden. Dieses wurde im März 2012 im NLGA durchgeführt.

Auf dem interdisziplinären Fachgespräch wurden verschiedene Aspekte zu dieser Thematik vorgetragen und Ansatzpunkte für mögliche Forschungsansätze auf diesem Gebiet diskutiert:

Im ersten Vortragsblock wurden in Einführungsreferaten statistische, humanbiologische sowie strahlenepidemiologische Grundlagen vorangestellt.

Der zweite Block beinhaltete mit Blick auf den diskutierten möglichen Zusammenhang zwischen radioaktiver Strahlung und Veränderungen beim sekundären Geschlechterverhältnis die Beobachtungen in der Umgebung des TBL Gorleben sowohl beim sekundären Geschlechterverhältnis wie auch des strahlentechnischen Überwachungsprogramms. Der dritte Vortragsblock hat währenddessen alternative Erklärungsansätze aus anderen Wissenschaftsdisziplinen beleuchtet. Im Anschluss an die Präsentationen folgte eine Diskussionsrunde, in der offene methodische Fragen wie auch mögliche Forschungsansätze zum sekundären Geschlechterverhältnis mit ihren Limitationen diskutiert wurden, ohne dass es innerhalb der Teilnehmer zu einem einstimmigen Meinungsbild hinsichtlich der möglichen Forschungsperspektive gekommen ist.

Einschätzung

Allein die Formulierung „verlorene Mädchen" ist grob irreführend und tendenziös - schließlich wird lediglich ein geändertes Geschlechterverhältnis bei den Neugeborenenstatistiken beobachtet, keineswegs jedoch irgendwelche tatsächlich „verlorenen Kinder"!

Den bisherigen Veröffentlichungen, die eine Kausalität zwischen ionisierender Strahlung im Niedrigdosisbereich und einem veränderten sekundärem Geschlechterverhältnis (in Richtung „verringerte Mädchengeburten" belegen wollen) sind aus wissenschaftlicher Sicht (Strahlenbiologie, Epidemiologie und Statistik) nicht belastbar. Mithin steht die verfolgte These recht isoliert in der etablierten Wissenschaft dar. Schließlich basiert sie auch nicht auf hinreichend kontrollierten Studien mit Individualdaten.

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